29. November 2017

Wieso eigentlich Vintage?

"Was hast du denn schon wieder an?"

Meine Mutter, charmant wie eh und je. Ich liebe sie, vor allem für ihre direkte und ehrliche Art.

Und sie mich unter anderem, weil ich meinen eigenen Kopf als auch Stil habe. Eigentlich - denn bis vor Kurzem konnte sie es keineswegs nachvollziehen, weshalb ich mich nach einem Ideal kleide, welches beinahe ein Jahrhundert zurückliegt. Die Antwort, ich wäre auf diese Weise nunmal ich selbst, stellte sie nicht ausreichend zufrieden.

Ich könne gut und gerne ich selbst sein, aber müsse ich denn dabei aussehen wie Oma Gisela?

 

Ich muss nicht, nein. Aber ich will, verdammt nochmal.

Es war ein langer Weg bis zu dem, was mir heute der Spiegel zeigt. Und allem voran war es ein Kampf - ein Kampf mit mir selbst, mit den Menschen in meiner Umgebung und ein Kampf mit meinem Geldbeutel.

Wenn ich zurückdenke, belagerte mich schon immer ein Sinn für nostalgische Ästhetik. Ich liebte bereits in der Pubertät alte Schwarzweißfotografien, hörte Jazz und Rock 'n' Roll  längst verstorbener Musiker und sah meine Ikonen in Filmdiven aus den 30ern und aufstrebenden Pin-up Modellen. Doch hegte ich nie den Gedanken, selbst eine auch nur ansatzweise elegante Ausstrahlung haben zu können. Noch bis ich 20 Jahre alt war, kleidete ich mich selbst eher sportlich, tanzte Hip-Hop in Baggies und Turnschuhen, trug Caps über jeder experimentell möglichen Haarfarbe, liebte eigens verzierte Jutebeutel und Neonfarben. Die Mode der 90er riss mich noch einmal mit und bescherte mir ein Paar großartiger Plateauschuhe in meinem Fundus, bevor ich vor 3 Jahren begann, mich zunehmend im Rockabilly-Stil, bezogen auf die 1950er Jahre, zu kleiden. Ich fühlte mich wohler, doch verspielte Muster, Punkte und grelle Farben sahen an mir irgendwann zu kitschig aus. Längst widmete sich mein Interesse Dekaden, die noch weit vorher lagen, doch es dauerte noch ein weiteres Jahr, bis ich endlich meine Garderobe beisammen gesammelt, gekauft und genäht hatte, um mich zum Stil der 20er bis 30er Jahre zu trauen, und jenen auch im alltäglichen Leben zu etablieren. Mehr als ein weiteres Jahr ist seitdem vergangen, und ich kann mit Stolz sagen, dass ich mich seitdem in meiner Haut samt Kleidung unglaublich wohl fühle. Der Spiegel zeigt mir nun, wer ich bin und wie ich sein möchte.

 

Und doch kann es mich enorm aus der Bahn werfen, wenn ich mich vor meinem Gegenüber dafür erklären soll.

So kam ich nach mehreren Fragenden irgendwann nicht mehr umhin, mir selbst die Frage zu stellen:

Wieso eigentlich Vintage?

 

Betrachten wir einmal die Fachliteratur: Das Wort Vintage kommt aus dem Englischen und bedeutet in etwa so viel wie alt, klassisch, altmodisch oder aus einer bestimmten Zeit. Im Theoretischen werden vorrangig Einrichtung und Kleidung sowie Gebrauchsgegenstände zwischen 1920 und 1970 als Vintage bezeichnet, alles davor ist antik, so wie alles danach bereits in eine andere Stilrichtung der Moderne fällt. Dies wird in der Realität jedoch oft anderweitig bezeichnet oder zusammengefasst, was meine Erfahrung betrifft.

Wende ich mich nun stiltechnisch und lebensweisend einer bestimmten Epoche zu, und obendrein noch einer, die ich in keinster Form miterleben durfte, kommt dies einer gewissen Nostalgie nahe. Denn Nostalgie ist die sehnsuchtsvolle Hinwendung zur Vergangenheit, ob selbst erlebt oder nicht. Besonders unter Psychologen wird sie oft als Korrektiv vestanden, als eine Art seelischer Heilungsprozess, aus welchem Kraft geschöpft und ein emotionaler Ausweg gefunden werden kann, wenn sich der Patient mit Ungleichgewicht oder Depression plagt.

 

Vielleicht ist dies im weitesten Sinn bereits Antwort genug.

Vielleicht hilft mir und auch vielen anderen die Hinwendung zu einer vergangenen Zeit, die Geschehnisse und die täglichen Herausforderungen im modernen Zeitalter zu verarbeiten. Womöglich verschafft uns die euphorische Nostalgie ein Gefühl von Sicherheit in einer sich stetig und rasend schnell verändernden Welt, während sie uns gleichzeitig heraushebt aus der Masse derer, welche modisch aktuell, wenn nicht sogar futuristisch eingestellt sind.

Eine wage Begründung könnte ebenfalls die Identifikation mit vergangenen Gesellschaftsumständen sein - so inspiriert mich möglicherweise die offen emanzipierte Frau der 1920er Jahre und inspiriert mich gleichermaßen in meiner Lebensweise.

 

Doch abseits von alledem, formt sich aus der Nostalgie einfach eine Begeisterung, eine Liebe.

Jeder Mensch ist auf der Suche nach Glück, nach Freude, nach etwas, was ihm das Leben zu eben jenem schönen macht. In jeder Seele besteht eine Art Ganzheitssehnsucht - der Wunsch nach eigener Vollkommenheit, verbunden mit der ständigen Suche danach. Und ganz egal, worin wir dies denken zu finden -sei es im Sammeln antiker Gegenstände, im Tragen vergilbter Seidenkleider oder im Betrachten von Gemälden nie gekannter Künstler - es ist wunderbar und bedarf keiner Rechtfertigung, solange es uns Zufriedenheit verschafft.

 

Kaum etwas könnte mich innerlich mehr antreiben als ein Besuch auf dem Flohmarkt, ständig mit wachem, geschulten Blick auf der Jagd nach einem Relikt vergangener Jahrzehnte. Kaum etwas besänftigt und inspiriert mich mehr als verstaubte Literatur großer Denker und Schriftsteller, welche mir von einer Zeit erzählen, die ich gern zu meiner machte. Und kaum ein Bekleidungsstück fühlt sich an meinem Körper so schön und passend an, wie eines welches aus den 20ern oder 30ern stammt, welches noch Feminines betont, ohne die Silhouette zu entblößen.

Der Stil, in welchem ich lebe, trägt mein Inneres nach außen und spiegelt mein ästhetisches Empfinden wieder - einfach das, was ich als besonders schön erachte. 

 

Ich kann ich sein, habe meine Zukunft, im Mindesten was die Mode betrifft, in der Vergangenheit gefunden.

Meine Mutter kommt mittlerweile damit sehr gut zurecht.

Und Oma Gisela findet es auch ganz wundervoll.

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