17. November 2017

Nacktigallsche Kostümkunde

Die Mode der 1920er und wie es dazu kam...

Um die Geschichte der Mode der 1920er Jahre zu verstehen, erachte ich es an wichtig, ihre Entstehung und deren Hintergründe zu beleuchten. Deshalb möchte ich damit noch einmal eine Dekade zuvor beginnen.

Um 1900, zur Zeit der Jahrhundertwende, war die Damensilhouette noch streng körperbetont. Das Korsett schnürte eine enge Taille und schob das Gesäß optisch nach außen, sodass der Körper von der Seite einer S-Form glich. Während der Belle Époque war die Mode Ausdruck von Luxus in Material, Verarbeitung und Ausputz, bis die Reformmode vereinfachte Schnitte und neue dekorative Muster im Jugendstil herbeibrachte. Man liebte Blusen und Kleider mit Stehkragen und überlangen Röcken bis hin zum Humpelrock, der aufgrund seiner geringen Weite das Gehen fast unmöglich machte. Neben Handschuhen und Schnürstiefeln gehörten reich verzierte „Wagenradhüte“ zum modischen Beiwerk.

 

Abb. 1: Silhouette der Belle Époque


Ärzte, Künstler und Frauenvereine protestierten gegen das bestehende Modeideal und forderten eine gesündere, natürlichere, schlichtere Kleidung, bis sich um 1914 der nur noch knöchellange Rock, kombiniert mit losen Kimonoschnitten und weichfallenden Oberteilen etablierte. Zudem brachten die beginnende Berufstätigkeit der unverheirateten Frau sowie erste Frauensportarten Kostüme mit Pumphosen und beschleierten Strohhüten.

 

Abb. 2: Kriegskrinoline, Entwurf von Chanel 1916

Während des ersten Weltkrieges herrschten Stoffmangel und große Versorgungsschwierigkeiten. In unvergleichlicher Weise entwarf Gabrielle Chanel um 1917 Jersey-Kostüme und Kleider im geraden Schnitt sowie Hemdblusenkleider mit wadenlangen Röcken im sogenannten Stil der Kriegskrinoline.

 

Frauen, welche in der Armee Hilfsdienste leisteten und in Munitionsfabriken, im Verkehrs- und Gesundheitswesen sowie in Industrie und Landwirtschaft arbeiteten, bedienten sich mehr als zuvor der Herrenmode und trugen gerade Oberhemden, Hemdhosen (den heutigen Overalls nahekommend), gerade geschnittenen Flanellhosen  und Uniformjacken.

 


Die Mode der 1920er Jahre

Zur Damenbekleidung.

Der erste Weltkrieg veränderte beinahe alles - vor allem aber die gesellschaftliche Stellung der Frau. Durch zunehmende Gleichberechtigung, eigene Berufstätigkeit und Selbstständigkeit (um 1920 waren ein Drittel der berufstätigen Berliner Frauen) sowie das erkämpfte Frauenwahlrecht entstand eine zuvor nie gekannte weibliche Emanzipation, welche sich selbstredend auch in der Bekleidung zeigte.

 

Die Röcke wurden kürzer, schwankten zwischen Wadenlänge und Kniefreiheit,  und entblößten nackte Knöchel. Diese waren umhüllt von den jüngst erfundenen Kunstseidenstrümpfen (Rayon) und steckten in spitzen Pumps, Spangenschuhen oder Stiefeletten mit geschwungenem, breitem Absatz. Die herabgesetzte Taille verwischte die Figur und brachte eine knabenschlanke Silhouette hervor, welche durch eine neue korsettfreie, luftige Unterwäsche, elastische Mieder aus Bustier, Höschen und Tanz- oder Hüftgürtel mit Strumpfhaltern unterstützt wurde.

 

Abb. 3: Unterbekleidung in den 1920er Jahren


Abb. 4: Tageskleidung 1920er

In der Tageskleidung griff frau zu Kombinationen aus Rock und Bluse sowie Jackett im Herrenschnitt und geraden Kleidern mit Glocken- und Falteneinsätzen als auch Kittelkleidern aus Baumwolle oder Viskose. Auch Pullover aus Maschenware (Jumper) waren beliebt, meist mit tiefsitzenden Gürteln oder Kordeln ausgeschmückt.

Die Hose, als Pumphose bis zum Knie (Knickerbocker) oder gerades, bodenlanges Modell mit Aufschlag und Bügelfalte blieb akzeptiert, allerdings nur in der weiblichen Arbeits-, Sport-und Freizeitbekleidung. Tagesmäntel waren wie Bluse und Jacke in Herrenfasson gearbeitet - gerade und mit Reverskragen, ein- oder zweireihig.

 


Nach der Aufhebung des über den Krieg gültigen Tanzverbotes schrieb das Berliner Tageblatt am Neujahrsmorgen 1919: „Wie ein Rudel hungriger Wölfe stürzt sich das Volk auf die lang entbehrte Lust.“

Das Überleben des Krieges sollte gefeiert, ebenso wie Inflation, Arbeitslosigkeit, Hungersnot und politische Unruhen vergessen werden. In rasendem Tempo entstanden Unterhaltungs- und Tanzlokale. Der Schriftsteller Klaus Mann schrieb über diese Zeit „Man tanzt Hunger und Hysterie, Angst und Gier, Panik und Entsetzen. Ein geschlagenes, verarmtes, demoralisiertes Volk sucht vergessen im Tanz…“. Die ab etwa 1925 bekannten, amerikanischen Vergnügungstänze wie der Foxtrott, Shimmy und Charleston steigerten die Schnelligkeit des zunehmenden Vergnügungsdrangs und forderten eine Bekleidung, in welcher die Frau ihre Möglichkeit zum Ausgehen zelebrieren und sich ausreichend bewegen konnte, ohne dabei an Anmut und Eleganz zu verlieren.

 

 

So formte die Gesellschaftskleidung jenes Bild der „goldenen Zwanziger“, welches heutzutage hauptsächlich in den Köpfen verankert ist.

 

Auch hier etablierte sich das gerade, sackartige Hänger oder Futteralkleid, allerdings mit tiefem Dekolleté und Rückenausschnitt sowie üppiger Perlen- und Paillettenverzierung.  Der Rock des Kleides erhielt meist einen schwingenden Saum mit Fransen, Zipfeln oder Volants.  Darüber wärmte ein ebenfalls reich verzierter, drapierter Mantel, welcher für gewöhnlich mit der Hand geschlossen gehalten wurde, oder ein Pelzmantel, der oft das Einkommen der Trägerin darstellte.

 

Abb. 5: Abendbekleidung 1925


Abb. 6: Art déco und ägytische Einflüsse

Abb. 7: Stilkleid Lanvin

Beliebt bei der Gestaltung waren neben Perlen und Spitze überaus Exotisches wie Federn verschiedenster Vögel, goldene Ornamente oder asiatische Muster. Als 1922 das Grab des Tutanchamun entdeckt wurde, durchzog außerdem eine ägyptische Welle die Mode. Die blumig-verspielten Naturornamente des Jugendstils wurden nach und nach von der modernen, geometrischen und äußerst eleganten Art dèco abgelöst.

 

 

 

 

 

Alternativ zum Hänger wurde das Stilkleid, entwickelt von der Pariser Modeschöpferin Jeanne Lanvin, mit ausgestelltem, tief auf den Hüften sitzendem, wadenlangem Rock und enganliegendem Oberteil in Prinzesslinie, getragen.

 


Erstmals in der Geschichte schnitt die Frau ihr Haar kurz, zum kecken Bubikopf, Shingle-Bob oder elegant-androgynen Eton, glatt oder gewellt, beispielsweise in der berühmten Wasserwelle.  Dazu trug sie Topf- oder Glockenhut, den Cloche, oder am Abend einen Turban, eng anliegende Kappen sowie imposanten Federschmuck. Auch lange Haarbänder und Barette schmückten das Haupt.

 

Abb. 8: Bob mit Wasserwelle


Abb. 9: Nachtwäsche 1921

Schlaf- und Heimwäsche galt trotz seltener Betrachtung durch fremde Augen ein detailverliebtes Interesse. Nachthemden aus Seide und Viskose sowie Pyjamas und Hemdhöschen (eine Art kurzbeiniger, ärmelloser Overall) besaßen eine weiche, fließende Schnittführung, zarte Pastellfarben und meist eine Spitzenverzierung. Die reine Funktionstüchtigkeit der Nacht- und Heimwäsche war passé, vielmehr sollte sie nun erotisch, verführerisch anmuten.

 

 


Zudem schmückte sich Frau von Welt gern mit Schals, Tüchern und Schirmen in auffälligen Farben mit koketten Mustern sowie mehrreihigen Perlenketten, Armbändern und Ohrringen. Während neben dem echten auch der Modeschmuck todschick wurde, avancierte die Zigarettenspitze zum modischen Kultobjekt. Bei jener galt: je länger, desto mondäner, desto besser.

 

Zum Schwimmen in den aufstrebenden Freiluftbädern oder an Ost- und Nordsee trug die Frau ein unversteiftes, einteiliges Trikot, welches meist ärmellos war und die Oberschenkel halb bedeckte - meist waren die Beinansätze sogar noch durch ein kleines Röckchen verdeckt.

 

Auch die Sportkleidung eroberte die Damengarderobe. So entstanden der sogenannte Norweger-Anzug zum Skifahren mit knöchellanger Überfallhose und lumberjackartiger Jacke, der Tennisrock und Reithosen im Knickerbocker-Stil sowie Sportschuhe mit flachem Absatz. 

 

Abb. 10: Badebekleidung 1920er Jahre


DerFlapper

Abb. 11: Das als provokant geltende Ideal des Flappers

Heute noch ein salopper Ausdruck, betitelte er bereits in den 1920er Jahren das Bild der „neuen Frau“: eigensinnig, selbstbewusst und auf eigenen Beinen stehend als auch tanzend, mit kurzem Haar im Hängerkleid durch die Stadt rauchend und trinkend, auch zur Zeit der Prohibition. Des Nachts wackelten sie durch die Jazzlokale und entblößten beim Tanz ihre gut gepuderten Knie.

 

 Flappergirls wurden zum weiblichen Leitbild der Provokation und Emanzipation, galten als keck und abenteuerlustig. Ob der Begriff aus dem Englischen kommt und einen flatternden Vogel versinnbildlichen soll, oder im Amerikanischen ungeschlossene Stiefel mit klackenden Laschen beschreibt, ist bisher nicht klar entschieden.

 


 

THE FLAPPER, Washington Post, May 23, 1922

 

‘She crosses her legs with a “Why should I care?”, as she draws on a nicotine pill.

She talks about Freud with a nonchalant air, and discusses the “power of will”.

She never turns in till it’s time to get up, oh the men flock around her like fleas.

She reads Scott Fitzgerald, and owns a bull pup, and is famed for her well-powdered knees.’

 

Die Garçonne

Dieser Begriff aus dem Französischen, welcher so viel wie Junggesellin oder knabenhafte Frau bedeuten soll, etablierte sich durch den 1922 erschienenen Roman „La Garçonne“ von Victor Margueritte. Bereits zuvor galt die Bezeichnung als Synonym für lesbische Frauen, doch nun beschrieb sie zusätzlich recht androgyne Frauen mit sehr kurzem Haar und einer Vorliebe für Herrenbekleidung. Sie gingen aus im Herrenoberhemd mit Manschettenknöpfen, Fliege oder Krawatte sowie im Smokingkostüm, teilweise mit einer Melone auf dem Kopf. Die Mutigsten unter ihnen trugen sogar ein Monokel im Auge, welches bis dahin nur unter homosexuellen Männern verbreitet war, und gingen deshalb nicht einfach aus, sie gingen „monokeln“.

 

Abb. 12: Anita Berber im Garçonne-Look


Zur Herrenbekleidung.

Die Männerwelt blieb von den großen Experimenten der Frau zumindest im modischen Sinne weitestgehend unbeeindruckt. Die sachlich-seriöse bis sportliche Tageskleidung hielt sich in dezenten Farben und Mustern wie Karo, Streifen und Kleinmustern.

 

Abb. 13: Herrenbekleidung 1920er

Das Sakko wurde Anfang der Zwanziger noch mit versteifter Front, hoher Taille und einreihig mit steigendem Revers gearbeitet, dazu wurde die Hose nach unten enger. Um 1925 verlor das Sakko an Taillierung und Versteifung, die Hosen wurden gleichmäßig breit.

 

Um 1929 dann, waren die Schultern breit gepolstert, das Sakko mäßig tailliert und an der Hüfte anliegend, wozu Aufschlaghosen mit weitem, geradem Schnitt in Mode kamen.

Als sportliche Mantelform trug man den Trenchcoat, einen langen, meist zweireihigen Regenmantel aus Baumwolle oder Gabardine ohne Kapuze. Auch der breite, kastige Ulster war bei den Herren beliebt.

 

 

 


Zur klaren Trennung blieb die Gesellschaftskleidung formell und war je nach Anlass auszuwählen.

 

Den eher lässigen, anzugähnlichen Smoking mit langem Schalkragen und meist nur einer Tasche für  Einstecktuch trug man zu inoffiziellen Gesellschaften, beispielsweise zum Aufenthalt im Rauchsalon mit anderen Männern (von eben jener Vergnügung bekam er schließlich seinen Namen).

 

Weitaus förmlicher war der Cutaway (kurz Cut), welcher im Schnitt des Oberteils dem Gehrock ähnelte, jedoch stets einreihig mit steigendem Revers und großem Halsausschnitt gearbeitet war und häufig Steinnußknöpfe besaß.

 

Der Frack, heute noch als König der Herrenkleidung geltend, wurde zu äußerst förmlichen Anlässen getragen. Typisch für ihn war die taillenkurze Jacke mit hinterem langem, meist gespaltenem Schoß, weshalb man ihn auch Schwalbenschwanzrock nannte.

 

Abb. 14: Abendgarderobe des Mannes in den 1920er Jahren


Abb. 15: Stresemann-Anzug

Zu gesellschaftlichen Anlässen bei Tag kam der Stresemann-Anzug auf, eine Kombination aus schwarzem, einreihigem Sakko, hellgrauer Weste, dezent schwarz-weiß gemusterter Krawatte und gestreifter, stulpenloser Hose.

 

Als Mantelform am Abend galt der elegante Paletot, ein leicht taillierter, ein- oder zweireihiger Mantel mit anzugähnlichem Revers sowie Kragen und Taschen (mit Pelzfütterung und Schalkragen aus als Gehpelz bekannt).

 


 

Sportkleidung wie Knickerbocker und Sportsakko hielten Einzug in die Tageskleidung. Die Weste, vorher unentbehrlicher Bestandteil korrekter Kleidung, durfte nun auch tagsüber durch einen Pullover ersetzt werden.

 

 

 

Abb. 16: Sportl. Herrenbekleidung

mit Knickerbocker & Pullover


Abb. 17: Hutmode für Herren 1920er

Der Herr trug die kurze Scheitelfrisur glatt gekämmt und gern pomadisiert. Auf diese setzte er je nach Gelegenheit den weichen Filzhut mit Kopfkniff, den elegant steifen Homburg als auch den Zylinder,  oder aber er wählte aus sportlichen Mützen und Kappen.

 

 

 

Am Fuß trug man nicht mehr nur knöchelhohe Stiefeletten, sondern nun auch Halbschuhe, teilweise mit Gamaschen.

 

 

 


Modische Accessoires wie Handschuhe, Schal, Krawatten und Fliegen brachten Farbtupfer und Muster in die Bekleidungskombination, beliebter Schmuck waren Armbanduhr und Siegelring.

 

Die Mode der 1920er Jahre gilt nicht umsonst als eine der innovativsten, elegantesten und einzigartigsten aller Zeiten.

Darüber hinaus beschreibt sie wie keine andere die Emanzipation der Frau, die Geburt der Konfektion und die Möglichkeit von Kleidung, das Leben glänzender und lebensbejahender zu gestalten.

 

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Abb.1: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e0/Robe_de_petits_d%C3%AEners_par_Redfern_1902_2_cropped.jpg/268px-Robe_de_petits_d%C3%AEners_par_Redfern_1902_2_cropped.jpg

Abb.2:  http://clarerosehistory.com/2016/03/fashion-in-world-war-i-march-1916/

Abb.3: http://gallica.bnf.fr/accueil/?mode=desktop

Abb.4:  https://vintagedancer.com/1920s/1920s-dresses-for-sale-the-best-online-shops/attachment/1920s-dress-fashions-patter-ads/

Abb.5: https://www.flickr.com/photos/christine592/3382936595/sizes/o/in/set-72157614654837205/

Abb.6: https://vintagehandbook.wordpress.com/fashion/1920s-fashion/

Abb.7: https://blog.pattern-vault.com/tag/1920s/

Abb. 8: http://glamourdaze.com/2010/05/1920s-fashion-womens-dress-and-style.html

Abb.9: https://i.pinimg.com/originals/17/c0/d9/17c0d9e63f27640aed413ea46357c9ab.jpg

Abb.10: https://retrowunderland.tumblr.com/

Abb.11: http://ziegfeld-folly.tumblr.com/post/38013539499

Abb.12: http://www.anita-berber.de/unser-service/index.html

Abb.13: http://www.maskerix.de/20er-vintage-gangster-kostuem-selber-machen/

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Abb.15: https://szarmant.pl/wp-content/uploads/2011/05/stroller-i-stresemann.jpg

Abb.16: https://digitaltmuseum.se/021015723790/ung-man-i-monstrad-troja-appelknyckarbyxor-knastrumpor-och-keps

Abb.17: https://vintagedancer.com/1920s/1920s-mens-great-gatsby-hat-style/